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Gewohnte Wege neu gedacht

Veröffentlicht: 11.08.2026
Autor: Maria Mildenberger

Wasserrettung am Rhein

Das anhaltende Niedrigwasser verändert nicht nur das Erscheinungsbild des Rheins, sondern stellt auch die örtliche Wasserrettung vor neue Herausforderungen. Denn nicht nur Hochwasser erfordern angepasste Konzepte. Wo schwerere Motorrettungsboote bislang zügig und direkt an Verunglückte heranfahren konnten, versperren inzwischen neu entstandene Sandbänke, unbekannte Wassertiefen und weitläufige flache Uferbereiche den direkten Weg zur Einsatzstelle. Wir begegnen diesen veränderten Bedingungen mit einem flexibleren Einsatzkonzept. Grundlage dafür ist auch die jahrzehntelange Pflege und Instandhaltung der vorhandenen Einsatzmittel.

„Nicht das Boot muss zwingend zur Person – das geeignetste Rettungsmittel muss zur Person“, lautet der angepasste Leitsatz. Bislang bildete unser bewährtes Mehrzweckboot „Delphin“ das verlässliche Rückgrat vieler Rettungseinsätze auf dem Strom. So retteten die Einsatzkräfte im vergangenen August einen Schwimmer in letzter Sekunde aus dem Fahrwasser vor einem herannahenden Frachtschiff. Bei extremem Niedrigwasser stößt das Boot im flachen Uferbereich jedoch rasch an seine Grenzen. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass der Bootskörper durch Hindernisse unter Wasser beschädigt wird.

Um die Rettungsmöglichkeiten auch bei niedrigen Pegelständen sicherzustellen, setzen wir deshalb auf eine abgestufte Einsatzmittelkette. Für den offenen Rhein und das Hafenbecken kommt bei niedrigem Wasserstand zunächst das wendige, leichtere Rettungsboot „Hessen“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine Boston Whaler 15 aus dem Baujahr 1985. Dank ihres geringen Tiefgangs verbindet sie hohe Geschwindigkeit mit Reichweite, Transportkapazität und Sicherheit.

Reicht der Tiefgang auch für die „Hessen“ in den ufernahen Bereichen nicht mehr aus, kommt das motorisierte Schlauchboot, ein sogenanntes IRB, zum Einsatz. Mit seinem besonders geringen Tiefgang kann es auch flachere Bereiche erreichen.

Für die letzten Meter bis ans Ufer oder zu schwer erreichbaren Sandbänken greifen unsere Rettungskräfte schließlich auf kleinere, von Hand bewegte Rettungsmittel zurück. Zum Einsatz kommen ein Rettungskajak und ein spezielles Rettungsbrett. Während Kajaks im normalen Binnendienst häufig vor allem als Sport- oder Ausbildungsgerät wahrgenommen werden, können sie sich bei Niedrigwasser als wichtiges Bindeglied zwischen Boot und zu rettender Person erweisen. So lässt sich vermeiden, dass größere Motorboote in flachen Bereichen festfahren oder Einsatzkräfte unnötigen Gefahren ausgesetzt werden.

Dass sich das Konzept bereits in der Praxis bewährt, zeigte ein Einsatz am Schiersteiner Westhafen am vergangenen Wochenende. Während herkömmliche Lösungen aufgrund der geringen Wassertiefe nicht einsetzbar gewesen wären, erreichte das wendige IRB „Guppy“ den Einsatzort problemlos und die Besatzung übernahm umgehend die Erstversorgung. Gemeinsam mit der „Hessen“ und den weiteren Rettungsmitteln können wir damit flexibel auf unterschiedliche Pegelstände reagieren.

Diese Flexibilität ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Ergebnis einer langjährigen Strategie, mit der unser  Bestand an unterschiedlichen Einsatzmitteln aufgebaut und erhalten wird. Die Anpassung an die sich verändernden Bedingungen wird durch jahrelange Instandhaltung, intensive Pflege und Investitionen in vorhandene Fahrzeuge und Boote ermöglicht. Vieles davon leisten unsere Mitglieder mit erheblicher Eigenarbeit. Ebenso konnte auch die Umstellung der Einsatzmittel dank der Aktiven, die unmittelbar angepackt haben, schnell umgesetzt werden.

Wenn der Rhein neue Wege vorgibt, braucht auch die Wasserrettung neue Wege zur Rettung – mit der richtigen Vorbereitung und flexiblen Einsatzmitteln bleiben die Schiersteiner auch künftig handlungsfähig.

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